Psychoonkologie

Diagnose :   Mammakarzinom – psychotherapeutische Hilfestellung

Wenn Ihnen etwas Schreckliches zustößt, sei es ein Verkehrsunfall, der Tod eines geliebten Menschen oder auch die Mitteilung einer lebensbedrohlichen Krankheit, so werden Sie wahrscheinlich erst einmal innehalten, geschockt oder wie gelähmt sein.

Solche Ereignisse erschüttern Sie bis ins Mark, so tief, dass bisherige Bewältigungsmechanismen nicht mehr ansprechen.

Manchmal kommt es aber auch zu einem entgegengesetztem Verhalten: sie sind hektisch, aufgedreht, laufen wie ziellos mit schreckensgeweiteten Augen hin und her und sind nicht zu beruhigen.
     
Diese, auf den ersten Blick bedrohlichen Reaktionen der Betroffenen waren wohl auch der Grund dafür, dass noch in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts nur 20 – 30 % der Ärzte eine offene Aufklärung über eine maligne Erkrankung befürwortet haben. Und das, obwohl auch damals schon 90 % der Patienten eine eindeutige Aufklärung gewünscht haben.

Heute sind es Gott sei Dank über 90 % der Ärzte, die eine ausführliche  Aufklärung befürworten und dies dann hoffentlich auch tun.

Vor 1980 machte sich ein Operateur auch keine Gedanken darüber, welche psychischen Probleme ein Patient nach oder durch eine Operation bekommen kann.
 Die Gewissheit, dass die Erhaltung des Lebens das höchste Ziel ist, war und ist Basis der ärztlichen Tätigkeit.
       
Diese Gewissheit hat lange von einer Nachsorge entlastet. Auch von einer Nachsorge hinsichtlich emotionaler Probleme.

Im Anschluss an die eben beschriebene Schockreaktion, Lähmung oder Überaktivität kommt es dann aber auch zu einer Phase der Besinnung.
Diese Phase der Besinnung nach einer außerordentlichen Belastung ist  wichtig, sie setzt hilfreiche und nützliche eigene  Anpassungs- und  Verarbeitungsmechanismen frei.

Es ist auch sehr wichtig, dass der Patient in dieser Phase der Besinnung nicht gestört wird, dass er sich wirklich auf sich besinnen kann.
Deshalb sind zu früh einsetzende Psychotherapieversuche nicht nur unwirksam, sondern sie behindern auch die Ausbildung  von eigenen Verarbeitungsmechanismen.
       
Dieses Vorgehen hat sich inzwischen durchaus herumgesprochen.
Es geht bei einem Unfall oder auch bei einer Naturkatastrophe erst einmal darum, die Betroffenen in Sicherheit zu bringen. Aus dem Gefährdungsgebiet heraus – im Falle der Mitteilung eines Mamma-Karzinoms – in die sichere Umgebung zu Hause, falls diese existiert.

Wie sehen nun diese eigenen Verarbeitungsmechanismen aus?

Wichtig ist, dass es hier keine Ideallösungen gibt. Jeder Mensch kann nur die für ihn bestmögliche Lösung anstreben. Was für den Einzelnen die beste Möglichkeit ist, kann man als Außenstehender nur schwer beurteilen.
       
Der bekannteste Mechanismus ist der der Verleugnung der Krankheit.  Dies geht von Beschwichtigungen „es ist ja nicht so schlimm“ bis hin zum wirklichen Verdrängen der Erkrankung „ich habe nichts“.

Ein weiterer Mechanismus ist der der Schuldzuweisungen an andere „ich habe den Krebs bekommen, weil mein Ex-Mann so schlecht zu mir war“

.......oder der Schuldzuweisung an sich selbst „ich habe den Krebs bekommen, weil ich nicht richtig gelebt habe“,

was oft verbunden ist mit Sühne-Gedanken: „Der Krebs ist die gerechte Strafe dafür, dass ich das und das unternommen oder unterlassen habe“.

In einem solchen Fall können sich Patienten alternativen Heilmethoden zuwenden, die oft mit großen finanziellen Opfern verbunden sind
Unbewusst können dann diese alternativen Heilmethoden die Funktion von Sühne haben, was zu einem Gefühl des Ausgleichs führt. Buße mindert Schuldgefühle.
Es gibt aber keinen Zusammenhang zwischen beruflichen oder sozialen Belastungen,
mit der Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer Mamma-Karzinom-Erkrankung.
Dies hat man in vielen Studien festgestellt.

Wenn der Patient seine Erkrankung über den Weg der Schuldzuweisungen an andere zu bewältigen versucht, können ihm oft Pannen im Stationsalltag zu Gute kommen, z.B. wird der Patient zum falschen Zeitpunkt zur Untersuchung bestellt oder der Defekt eines Gerätes verhindert eine bestimmte Untersuchung.
       
Das psychologisch Wichtige ist dabei, dass der hilflose ohnmächtige Zorn auf die unfassbare Krankheit sich in einen berechtigten Zorn umwandeln kann.

Alle Möglichkeiten der Krankheitsverarbeitung sind richtig und können dem Kranken helfen, die Erkrankung durchzustehen.

Problematisch wird es dann, wenn der Patient die Erkrankung so weit verleugnet, dass er nicht zu den sinnvollen und notwendigen Behandlungen erscheint.
Oder, im anderen Fall, wenn die Schuldzuweisung an sich selbst zu einer ausgeprägten Depression oder zu Angstzuständen führt.
In diesem Fall spricht man von einer somatopsychischen Störung, von einer psychischen Störung, die durch eine körperliche Erkrankung bedingt ist.
       
Hier kommt dann der Psychoonkologe, der Psychotherapeut, der Psychosomatiker ins Spiel.

Was kann ein psychotherapeutischer Kontakt dann bewirken?
Er kann, und das betone ich immer am Anfang eines Gesprächs, auf keinen Fall die Erkrankung rückgängig machen.
Ich betone das deswegen grundsätzlich am Anfang der Begegnung, weil es unrealistische Erwartungen zurechtrückt.

Der Therapeut kann an frühere Bewältigungsleistungen erinnern.

Paradoxerweise können Patienten, die schon mehrere Schicksalsschläge im Leben erfahren mussten, mit einem erneuten Trauma besser umgehen.
     
Sie haben es gelernt, ihre eigenen Möglichkeiten zu nutzen, sind praktisch geübt darin, mit Leiden klarzukommen.

Der Therapeut kann Realitätskontrolle herstellen, kann zusammen mit dem Patienten versuchen, einen Behandlungsschritt zu verstehen.

Es geht hier auch darum, in Ruhe die realistischen Möglichkeiten, die in der Zukunft liegen, zu besprechen;
Werde ich wieder arbeiten können?
Wie wird mich mein Mann behandeln?
Werde ich mich noch als Frau fühlen können?
Wie wird der zeitliche Ablauf nach der Bestrahlung sein?
Gespräche über die ungewisse Zukunft reduzieren die Angst des Patienten. Früher meinte man, dass solche Gespräche die Hoffnung reduzieren. Genau das Gegenteil ist aber der Fall.
       
Der Therapeut kann weiterhin dem Patienten die Möglichkeit bieten, sich emotional zu entlasten. Zu klagen - zu schimpfen und evtl. auch zu trauern - zu weinen.

Oft ist es so, dass das häusliche und auch außerhäusliche Milieu, die Familienangehörigen und auch die Freundinnen nur eine bestimmte Dosis an Gefühlen ertragen und auffangen können.
 Sie ziehen sich, wenn es zu viel wird, oft zurück.

Hier kann dann auch eine  Selbsthilfegruppe für krebskranke Frauen im speziellen Fall hilfreich sein.
Manche Patientinnen möchten aber nicht mit fremden Menschen über ihre Erkrankung reden. Das ist Ihnen zu intim.
           
 Für andere wiederum ist es eine Erleichterung, die Angehörigen nicht mit der Erkrankung belasten zu müssen und trotzdem Entlastung zu erfahren.
    
Ein weiterer Punkt in der Therapie befasst sich mit überhöhten Selbstansprüchen. Diese gilt es, zusammen mit dem Patienten, zu reduzieren.
     
Viele Patienten haben sich ein Leben lang um die Familienangehörigen gesorgt und gekümmert.
Plötzlich selbst Objekt der Sorge zu sein, fällt ihnen schwer.
Eine mitfühlende Erlaubnis kann hier sehr hilfreich sein.
Oft ist eine depressive Symptomatik so tief und so schwerwiegend, dass der Patient mit Worten nicht mehr erreichbar ist.

Deswegen ist oft eine Behandlung über das Gespräch nicht durchzuführen. Hier ist dann die Gabe eines Antidepressivums sinnvoll, um dem Pat. die Möglichkeit zu geben, wieder an einem Gespräch teilnehmen zu können.
Bei hartnäckigen Schlafstörungen  ist auch die vorübergehende Gabe eines Schlafmittels  notwendig, um dem Patienten die Mitarbeit wieder zu ermöglichen.

Insgesamt, so ist zu sagen, sind es nicht viele Patienten, die eine psychoonkologische Behandlung benötigen.

Da wir den Patienten die Gelegenheit geben, ihre eigenen Bewältigungsstrategien zu aktivieren, sind es nur wenige Patienten, die in unserem psychoonkologischen Screening auffallen und uns in der Psychoonkologie anschließend  vorgestellt werden.
      
Unser psychoonkologisches Screeninginstrument besteht aus 2 Teilen;
zum einen aus einen Fragebogen zur Erfassung von Angst und Depressivität
der sogenannte HADS (Hospital Anxiety and Depression Scale)

.........und zum anderen einem selbstentworfenem Fragebogen zur Ermittlung der speziellen Hilfekategorie.
Das bedeutet, ob der Patient eher spirituelle, sozialarbeiterische oder wirklich psychotherapeutische Hilfe wünscht.
      
Wenn nun der HDAS einen erhöhten Wert aufweist und die Patientin es wünscht, einem Psychoonkologen vorgestellt zu werden, wird in der Psychosomatik ein Termin vereinbart. 
     
Natürlich kann die Patientin auch, wenn sie bereits einen Psychotherapeuten aus einem ambulanten Kontakt kennt, diesen aufsuchen

Ich bin persönlich sehr froh darüber, daß die psychotherapeutische, die psychoonkologische Hilfe inzwischen fest in der Behandlung des Mamma Carzinoms verankert ist.

Andere Gebiete wie zB. der Bereich der operativen Gastroenterologie ziehen bereits heute schon nach.
Für das ebenfalls in der GmbH gegründete Darmzentrum ist die Psychonkologie selbstverständlich

Andere Bereiche der Medizinischen Versorgung haben sich mit der Psychoonkologie noch nicht so arrangiert, können aber die  Entwicklung natürlich auch nicht aufhalten.
       
So wird es sicher in absehbarer Zeit, so glaube und hoffe ich, zu einer Verankerung der Psychosomatik in allen Bereichen der somatischen Medizin kommen.

Dr. med. Adolf Zeller,  Leitender Arzt der Klinik für Psychosomatik