Wie erlebt der Patient eine psychosomatische Erkrankung?

Der Mensch wird sowohl von körperlicher Seite als auch von seelischer und sozialer Seite beeinflusst. Wenn man diese drei Pole entsprechend würdigt, nennt man das eine ganzheitliche Betrachtungsweise. Diese psychosomatische Wechselwirkung und ihre Zusammenhänge sind den Menschen immer schon vertraut gewesen. Das zeigen zahlreiche Ausdrücke in unserer Sprache: "das hat ihm das Kreuz gebrochen", etwas "schlägt auf den Magen", "man zerbricht sich den Kopf" und vieles Andere mehr.

Psychosomatische Reaktionen kennt jeder - den beschleunigten Herzschlag bei Aufregung, den Schweißausbruch bei Angst, das Rotwerden bei Verlegenheit. Das sind ganz normale, keine krankhaften Reaktionen. Auch hier schon ist das seelisch-körperliche Zusammenspiel dem bewussten Erleben nicht immer zugänglich. Wenn nun eine seelische oder soziale Belastung zu groß oder zu andauernd ist, kann dies zu psychosomatischen Störungen oder sogar zu Organschäden führen. Der Zusammenhang der Erkrankung des Patienten zu seinen Belastungen wird von ihm in der Regel nicht gesehen, er ist "entkoppelt". So sieht zum Beispiel der Patient mit einer Schmerzsymptomatik nicht einen möglichen Zusammenhang mit seiner Lebenssituation. Er entkoppelt den Schmerz von seinem Leben, und der Schmerz fährt wie ein abgekoppelter Zugwaggon selbständig alle Stationen immer wieder an. Die körperlichen Symptome haben aber eine Signalfunktion, sie zeigen individuelle Überforderungen an.

Wenn nun diese körperlichen Symptome ausschließlich organmedizinisch behandelt werden, besteht die Gefahr, dass die seelische und soziale Seite übersehen wird. Das kann auch heute immer noch bedeuten, dass der Patient unzählige organmedizinische Untersuchungen und Behandlungen durchlebt. Diese erfassen aber tragischerweise den seelischen und sozialen Teil der Erkrankung überhaupt nicht. Die Krankheit wird nicht besser, sie wird chronisch. Und das, weil eine mehrseitige Betrachtungsweise leider nicht stattgefunden hat. Dazu kommt noch, dass Fehleinschätzungen körperlicher Signale und sogenannte Minibefunde bei verschiedenen Untersuchungen die Angst beim Patienten schüren, von einer schweren unheilbaren Krankheit befallen zu sein. Auch das führt in den meisten Fällen zur Chronifizierung der Erkrankung, zu lebenslangem Leid und zur Berentung.

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